Emotionalität vs Realität

In meinem abhanden gekommenen Artikel über Phillip Zimbardo, hatte ich ja schon angedeutet, das ich mich viel mit Menschen und deren Psyche beschäftige. Also schreibe ich jetzt einen neuen, nur über ein etwas anderes Thema.

Unser Leben dreht sich um Gefühle und unser Habitus orientiert sich unter anderem an Zuspruch und Mut. Selbst der kälteste Mensch, braucht manchmal eine Umarmung oder ein nettes Wort. Zimbardo stellt sich die Frage, wie Menschen zu etwas werden können. Ich stelle mir die Frage, warum sie nicht darüber reden können, wie sie sind und warum sie glauben, das einmal preisgegeben, diese ehrlichen Gefühle für andere unwichtig oder vielleicht sogar dumm erscheinen.

Warum sind diese Wünsche, Hoffnungen, Ängste und Träume so wenig thematisiert? Das soll keine Gesellschaftskritik werden, ich stelle allerdings immer wieder fest, das Menschen mit aller Gewalt glücklich sein wollen. Wie der Einzelne sein Glück definiert, ist unterschiedlich. Einer der wichtigsten Bestandteile dabei, sind aber die anderen Menschen und deren Feedback, weil es immer Abhängigkeiten geben wird. Emotionalität und der innere Kern eines Menschen bekommen trotz einer Jugendbewegung voller Weicheier, nicht genug Aufmerksamkeit.

Glück muss aus dir selbst kommen, erwarte ich als Gedankengang. Stimmt! Frage: Wie sehr hängt dein Glück von anderen Menschen ab? Zweite Frage: Wie oft haben glückliche Gedanken etwas mit anderen Menschen zu tun? Jeder kann Glück empfinden wenn er will und es kann komplett selbst generiert sein. Aber was ist schon Glück oder Leid, wenn man es nicht teilen kann.

Vielleicht hängt es nicht zuletzt damit zusammen, das die Leute es als eine private Angelegenheit sehen, die nicht in die Öffentlichkeit gehört. Außerdem will niemand meinen Scheiß hören, wird sich der Leser jetzt vielleicht denken. Das stimmt so nicht.

Ich plädiere für eine Offenheit die schon immer da war und doch viel zu selten zum Zug kommt. Wieso sind Betrunkene so ehrlich und warum ist ein Glas Wein der Grund warum sie sich anvertrauen? Kommt es darauf an, wie sicher ich mich mit meinem Umfeld fühle oder ist es letztlich egal, ob ich eine Information über mich preisgebe oder nicht?

Die Menschen vergessen und jeder kämpft seinen eigenen Kampf. Eine Erzählung über Wünsche, Hoffnungen und Träume endet oft in Unverständnis und Unsicherheit. Der Preisgebende fühlt sich unverstanden und der Empfänger der Information ist unsicher, weil er keinen Schimmer hat, wie er mit der Situation umgehen soll.

Die vermeintlich Harten unter uns, werden sagen, das dies alles kompletter Unsinn ist und das sie sehr wohl mit einer solchen Situation umgehen können. Keine Sorge, ich selbst habe damit auch keine Probleme, ich kenne aber auch nicht viele, die damit umgehen so wie ich es tue. Damit will ich mich nicht über andere stellen, ich glaube nur, das selbst brisante oder vielleicht sogar bizarre Informationen über andere Menschen, die ich mein eigen nenne, keinen Einfluss darauf haben, wie ich ihnen gegenüberstehe.

Das mündet natürlich in eine Diskussion über Toleranz in der Gesellschaft und ein ethisches lamentieren über Kriminalität und grausame Taten, darauf spiele ich aber nicht an. Es ist klar, das z. B. homosexuelle Menschen in bestimmten Teilen der Gesellschaft nicht das Ansehen genießen, wie es Max Mustermann genießt. Ist aber eine Information erst einmal preisgegeben und ein „Coming out“ ist gemacht, verbessert sich die Situation eines Individuums nach einer gewissen Zeit und es ist völlig egal, ob dieses Coming out nun eine sexuelle Orientierung oder irgendeine andere, vielleicht weniger aufrüttelnde Wahrheit enthält.

Es geht letztlich darum, über seine Gefühle und seine Belange zu sprechen und zuzulassen, das mein Gegenüber wissen darf, was in mir vorgeht. Um welches Thema es sich handelt ist unwichtig. Eine (mehr oder weniger) transparente Gefühlswelt, führt vielleicht zum Ausschluss aus einer Gruppe, aber nicht zum Ausschluss aus dem Leben und langfristig zu einem selbstbestimmtem, reflektiertem Dasein. Natürlich gehört diese Offenheit nicht in alle Bereiche des Lebens, wie zum Beispiel in die Arbeitswelt. Ich möchte mich hier auf den privaten Umgang beschränken.

Ein Weiterkommen ist auf viele Weisen möglich. Feedback ist aber sicher eine der besseren Möglichkeiten. Um zurück zur Grundfrage zu kommen, ein offener Umgang mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen führt zu einem passenden Umfeld. Die direkte Umwelt bekommt eine Chance den wirklichen Menschen kennen zu lernen und nicht nur eine Maske. Es geht darum, sich zu trauen aus sich heraus zu kommen. Die sogenannte Psychohygiene spielt hier eine große Rolle.

Für mich sind Gespräche spannend, wenn sie von etwas ehrlichem, einem Gefühl oder einem menschlichen Wert handeln. Andere Gespräche können und sind auch spannend,  das meiste lerne ich jedoch von solchen kleinen, feinen Unterhaltungen und ich denke, das ich da nicht der Einzige bin.

Wie stellt der sich das eigentlich vor? Nun, geh da raus und erzähle was dich betrifft, deine Probleme und dein Glück. Erzähle es jedem der dir zuhört und hab’ keine Angst dafür verurteilt zu werden. Dieses Verhalten generiert oft überraschende Resultate und am Anfang werden vielleicht nicht alle gut sein! Alles Weitere wird sich mit der Zeit ergeben.

Über Kommentare zum Thema, würde ich mich sehr freuen…

11 Antworten

  1. meine Erfahrung ist, dass der Umgang mit sich selbst eine tragende Rolle spielt – wenn du dich selbst liebst und ein fundiertes Selbstwertgefühl hast, dann bringst du dieses auch in dein Umfeld bzw. in die Umwelt.
    aber was meinst Du mit der ‘Jugendbewegung voller Weicheier’? den Satz finde ich bedenklich.

  2. aber insgesamt ein interessantes Thema, in dem Du viele Punkte ansprichst; regt zum nachdenken an.

  3. Emo! Ich gebe zu, es war etwas salopp ausgedrückt.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Emo
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    Sicher spielt das Selbstwertgefühl eine wichtige Rolle, wenn es darum geht etwas von sich Preis zu geben. Beim schreiben dachte ich nicht zuletzt an eher introvertierte und schüchterne Menschen.

    Aber auch der / die Selbstbewusste, kommt manchmal nicht aus dem selbstgebauten Schneckenhaus…

  4. der richtige Rahmen zählt wohl auch – don’t tell everybody everything! es gibt Menschen/ bzw. die Beziehung zu ihnen, die lassen dich wachsen, sind fruchtbar; wie der umgekehrte Fall. das zu erkennen, ist schon eine Aufgabe und die Erlebniswelt eines jeden zu respektieren.

    und die Frage > was will mensch voneinander? was verlangt die Situation von einem? ich finde, das ist alles sehr diffizil und komplex zu betrachten. jede Begegnung ist anders, jeder Mensch trägt verschieden motiviert stets andere Absichten mit sich und einem vielfältigen Hintergrund.

  5. Guter Einwand!

    Immer alles erzählen geht auch nicht, das ist wahr. Aber warum nicht immer öfter. Die Motivation eines Gespräches mag sich zwar unterscheiden, das richtige Gespräch zwischen zwei Menschen findet aber hauptsächlich hinter dem Gespräch statt.

    Indem man nicht zu vorsichtig ist, hilft man nicht nur sich, sondern auch dem Gespräch selbst. Dadurch kommst du nämlich meiner Meinung nach langfristig eher weiter als mit dem was die meisten Leute in derartigen Situationen tun: Lügen!

    Einziger Nachteil wäre wie du schon sagst, das unter Umständen ein Weiterkommen in eine bestimmte Richtung nicht mehr möglich ist, aber die Frage lautet in dem Fall ob man überhaupt auf diese Weise weiterkommen will. Diese Entscheidung halte ich für diffizil!

    Wenn du davon ausgehst das jeder den genannten Respekt für Situation und Motivation mitbringt, hast du ja bereits die optimalen Umstände für einen fruchtbaren Austausch. Eine bessere Voraussetzung gibt es fast nicht.

  6. Ich glaube einer der Gründe weshalb Menschen nicht aus Ihrem Schneckenhaus hinaus gehn, ist, dass die „emotionale Intelligenz“ nicht gefördert wird. Damit meine ich, dass viele Eltern sich nicht trauen einfach offen und Ehrlich mit Ihren Kindern zu sprechen. Unangenehme Themen werden einfach übersprungen oder verdrängt. Damit will ich nicht sagen, dass die Schuld bei den Eltern liegt. Es kommt auch auf das Umfeld des Kindes an, ob und wie es sich emotional entwicklet. Wenn ein Mensch nie gelernt hat wie man über Gefühle spricht, wächst die Schale des Schneckenhauses immer weiter (denke ich). Vielleicht wäre das Fach Psychologie in Schulen angebracht (fragt sich nur in welchem Jahrgang).

    Whatever!!! Ist auf jedn ein Gutes Thema, welches Du ansprichst.
    Alls weiter so.

  7. Psychologie an Schulen? realistischerweise wenn, dann wohl nur an Gymnasien in der Oberstufe.

  8. Bubanshi,
    Psychologie ist vielleicht auch nicht ganz was du gemeint hast. Emotionale Intelligenz kann und wird leider kein Schulfach sein. Es gehört eher in das Elternhaus und das private Umfeld.

    Matha,
    Grundkurse werden ja bereits in der Oberstufe gegeben. Darunter kann ich mir das auch nicht vorstellen.

  9. ist aber auch nicht die Regel u. meist in Verbindung mit Philo o. Pädogogik; was soll’s jedoch lebensfern Theorien in einer verkürzten Abi-Zeit zu büffeln? geht nun weit vom Thema ab – oder doch nicht?

  10. Dein kleiner Seitenhieb auf die „Jugendbewegung voller Weicheier“ ist fuer mich weder salopp noch unklar – eher großes Kino, mit Popcorn und einzeln verpackten Speiseeispralinen. Sehr schoen.

    Hat vielleicht auch was mit der kulturellen Praegung zu tun, in wieweit man sein Innenleben nach Außen kehrt, und wir gehoeren mutmaßlich einem Kulturkreis an, in dem es diesbezueglich eher etwas zurueckhaltender zugeht. Außerdem hat Offenheit ja immer auch mit Schwaeche zeigen zu tun – schwierig im Zeitalter der absoluten Makellosigkeit.

    Oh, und schon wird es ganz widerlich pathetisch (vielleicht der Grund, weshalb ich keine eigenen Pamphlete verfasse… ), also lass ich es mal wieder gut sein.

    Bleibt nur noch zu sagen, dass du hier ein paar sehr kluge Sachen gesagt hast. Wenn man manchmal etwas mehr wagen, weniger heiße Luft blasen und mehr sagen wuerde, gaebe es vielleicht oefter diese kleinen Gespraechsfetzen und lichten Momente, in denen man das Gefuehl hat, tatsaechlich einmal zueinander durchzudringen. Und daran zu wachsen.

  11. Danke für die netten Worte…

    …Zeitalter…Siehe Artikel: Gedanken und der Einfluss auf unser Leben :)

    Merci bien!!!

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